Myopie 06/2017

Myopie – Epidemiologie und mögliche Therapien zur Progressionskontrolle

  • Im Jahr 2010 betrug die globale Prävalenz der Myopie (≤ -0,5 dpt) 28,3 % (2 Mrd.). In 10 Jahren konnte eine Zunahme von 30 % festgestellt werden.1
  • Auch in den USA ist über einen Zeitraum von 30 Jahren die Prävalenz der Myopie um 66 % gestiegen (von 25 % auf 42 %); die der hohen Myopie hat sich verachtfacht (von 0,2 % auf 1,6 %).2
  • Kurzsichtigkeit ist die am häufigsten anzutreffende “Erkrankung” der Augen weltweit, welche mittlerweile bis 90 % junger Erwachsener in einigen Staaten Asiens betrifft. In Europa und den USA liegt die Rate zwischen 25 und 50 % bei Erwachsenen.3.4.5
  • Schätzungen zufolge werden im Jahr 2020 ca. 2.5 Milliarden Menschen in Ost-Asien von Kurzsichtigkeit betroffen sein.6
  • Weitere Modellrechnungen verweisen darauf, dass die Myopie im Jahr 2050 4,8 Mrd. Menschen weltweit betreffen wird, somit nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung.
     

Im Rahmen dieser Entwicklungen wird natürlich auch der Anteil an Menschen mit pathologischer, also hoher Myopie ³ 6 dpt nach Hochrechnungen bis zum Jahr 2050 auf 900 Mio. Betroffene mit all den individuellen und sozio-ökonomischen Folgen ansteigen.7

1 Holden BA, Wilson DA, Jong M et al (2015) Myopia: a growing global problem with sight-threatening complications. Community Eye Health 28:35 


2 Vitale S, Sperduto RD, Ferris FL (2009) Increased prevalence of myopia in the United States between 1971–1972 and 1999–2004. Arch Ophthalmol 127(12):1632–1639.

3 Pizzarello L, Abiose A, Ffytche T, et al. VISION 2020: The Right to Sight: a global initiative to eliminate avoidable blindness. Arch Ophthalmol. 2004; 122:615–20

4 Saw SM, Katz J, Schein OD, et al. Epidemiology of myopia. Epidemiol Rev. 1996; 18:175–187.

5 Katz J, Tielsch JM, Sommer A. Prevalence and risk factors for refractive errors in an adult inner city population. Invest Ophthalmol Vis Sci. 1997; 38:334–40

6 Kempen JH, Mitchell P, Lee KE, et al. The prevalence of refractive errors among adults in the United States, Western Europe, and Australia. Arch Ophthalmol. 2004; 122: 495–505

7 Holden BA, Fricke TR, Wilson DA et al (2016) Global prevalence of myopia and high myopia and temporal trends from 2000 through 2050. Ophthalmology 123:1036–1042 


Hilft es bei kurzsichtigen Kindern die Brille „unterzukorrigieren“, um ein weiteres Voranschreiten der Kurzsichtigkeit aufzuhalten?

  • Unterkorrektion der Myopie mit dem Argument, dass damit das schnellere Voranschreiten der Myopie aufgehalten werden kann, ist als Mythos in der Augenheilkunde noch weit verbreitet und wird nach wie vor vielerorts praktiziert. Fake News. Dafür gibt es keinerlei Evidenz.
  • Gedankliche Grundlage dieser Empfehlung war: In Tiermodellen konnte die Myopieprogression durch Defokussierung reduziert werden, weiter gedacht auf das menschliche Modell dann auch durch eine Reduktion der Akkomodationsbelastung bei Naharbeit.
  • Prospektive klinische Studien zeigten aber, dass eine Unterkorrektion der Myopie keinen Effekt auf die Entwicklung der Myopie1 hat oder diese sogar anheizen kann.2

 

1Adler D, Millodot M. The possible effect of undercorrection on myopic progression in children. Clin Exp optom. 2006;89(5):315–21.

2 Chung K, Mohidin N, O’Leary DJ. Undercorrection of myopia enhances rather than inhibits myopia progression. Vision Res. 2002;42(22):2555–9.

Spielt der Gebrauch von mobilen Endgeräten / Naharbeit eine Rolle bei Myopieprogression?

  • Manche Studien postulieren eine Assoziation zwischen Naharbeit und Kurzsichtigkeit: z.B. die Orinda Longitudinal Study of Myopia unter amerikanischen Kindern1 oder in der Sydney Myopia Study2, andererseits konnte in Studien mit Kindern aus Singapur kein Zusammenhang errechnet werden.3,4
  • Auch aktuellere Studien lassen keine eindeutige Aussage zu: Manche zeigen einen Zusammenhang51-58, wohingegen andere dies nicht bestätigen können.3,4
  • Es scheint sich in einigen Studien herauszukristallisieren, dass langanhaltende Naharbeit bei einer Lese-Distanz unter 30 cm und wenigen Pausen eine größere Bedeutung hat als die Gesamtzeit der Naharbeit.5-8
  • Es fehlen evidenzbasierte Zahlen und somit Aussagen zu der Bedeutung der Größe und Lichtintensität des Bildschirms oder auch eines Buches.

1 Mutti DO, Mitchell GL, Moeschberger ML, Jones LA, Zadnik K. Parental myopia, near work, school achievement and children’s refractive error. Invest Ophthalmol Vis Sci 2002; 43: 3633–40.

2 Ip JM, Rose KA, Morgan IG, et al. Myopia and the urban environment: Findings in a sample of 12-year-old Australian school children. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2008; 49:3858–63.

3 Saw SM, Shankar A, Tan SB, Taylor H, Tan DT, Stone RA et al. A cohort study of incident myopia in Singaporean children. Invest Ophthalmol Vis Sci 2006; 47: 1839–44.

4 Saw SM, Tong L, Chua WH, Chia KS, Koh D, Tan DT et al. Incidence and progression of myopia in Singaporean school children. Invest Ophthalmol Vis Sci 2005; 46: 51–57

5 You QS, Wu LJ, Duan JL, Luo YX, Liu LJ, Li X et al. Factors associated with myopia in children in China: the Beijing childhood Eye Study. PLoS One 2012; 7: e52668.

6 Lee YY, Lo CT, Sheu SJ, Lin JL. What factors are associated with myopia in young adults? A survey study in Taiwan military conscripts. Invest Ophthalmol Vis Sci 2013; 54: 1026–33.

7 Gong Y, Zhang X, Tian D, Wang D, Xiao G. Parental myopia, nearwork, hours of sleep and myopia in Chinese children. Health 2014; 6: 64–70.

8 Wallman J, Gottlieb MD, Rajaram NV, Fugate Wentzek LA. Local retinal regions control local eye growth and myopia. Science 1987; 237:73–7.

„Accomodation lag“ als Ursache für Myopisierung?

  • Bezüglich des “Accomodation lag” gibt es folgenden Konsens: Myope Kinder und Erwachsene zeigen ein eindeutiges Defizit der Akkommodation, wobei es keinen Konsens darüber gibt, wann dies genau einsetzt (vor oder während der Myopisierung) oder in welchem Zusammenhang es mit einer Myopisierung überhaupt zu sehen ist.
  • Die Hypothese einer möglichen Beziehung zwischen Akkommodation und Kurzsichtigkeit lautet: je höher der Grad der hyperopen Defokussierung aufgrund des akkomodativen Defizits ist, desto schneller schreitet die Myopisierung voran.
  • Einige Daten legen den Gedanken nahe, dass ein akkomodatives Defizit nicht als Motor einer zunehmenden Kurzsichtigkeit zu sehen ist, auch nicht Umwelteinflüssen unterliegt, sondern eher lediglich damit einhergeht, ohne als kausales Agens zu fungieren.1

1 Invest Ophthalmol Vis Sci. 2006 Mar;47(3):837-46, Accommodative lag before and after the onset of myopia, Mutti et al.

Inwieweit spielt die genetische Veranlagung eine Rolle bei zunehmender Kurzsichtigkeit?

  • Es gibt reichlich Evidenz zu der Erblichkeit nicht-syndromaler Formen der Myopie, insbesondere für hochgradige Formen über 5 - 6 dpt.1 Die kürzlich veröffentlichten Genome-wide association studies (GWAS) haben mehr als 20 Loci für Myopie identifiziert.2
  • Eine Studie aus Finnland3 begleitete 240 kurzsichtige Kinder vom Schulalter über 22 Jahre hinweg bis in deren Erwachsenenleben. Am Studienende, nach etwa 22 Jahren, gab es bei den Jungen in den unterschiedlichen genetischen Gruppen (beide Eltern kurzsichtig, ein oder kein Elternteil myop) keine signifikanten Unterschiede im sphärischen Äquivalent, der Hornhautbrechkraft, Axiallänge oder Myopieprogression. Bei den Mädchen betrug die Myopieprogression − 4,21 ± 1,81 dpt, wenn ein Elternteil oder beide Eltern kurzsichtig waren und -3,19 ± 1,36 dpt, wenn die Eltern nicht myop waren.

Im Wesentlichen sind es die Hornhautbrechkraft und die Myopieprogression, die bei denjenigen Kindern größer ist, die kurzsichtige Eltern hatten. Es kann jedoch kein signifikanter Unterschied in der Achsenlänge beobachtet werden.

 

1 Young TL, Metlapally R, Shay A. Complex trait genetics of refractive error. Arch Ophthalmology. 2007; 125:38–48.

2 Cooke Bailey JN. Advances in the genomics of common eye disease. Hum Mol Genet 2013

3 Pärssinen O, Kauppinen M. What is the influence of parentsʼ myopia on their childrenʼs myopic progression? A 22-year follow-up study. Acta Ophthalmol 2016; 94: 579–585.

Helfen Atropin-Tropfen, das Voranschreiten der Kurzsichtigkeit aufzuhalten?

  • Atropin ist ein nicht selektiver Muskarin-Antagonist. Erste Notizen zur Anwendung bei Myopie finden sich bereits im 19. Jahrhundert.
  • Verschiedene Studien haben einen klinischen Effekt zur Reduktion der Myopisierung erbringen können.6-17
  • Im Tierversuch bei Mäusen, Affen und Hühnern wurde das bestätigt, ebenso wie ein positiver Einfluss auf die Deprivations-Myopie oder die Linsen-induzierte Kurzsichtigkeit bei Hühnern.18-20
  • In Vogelaugen besteht der intraokulare Muskel im Gegensatz zu denen von Säugetieren aus gestreifter Muskulatur, woraus geschlossen werden kann, dass nicht-akkomodative Effekte für die Reduktion der Progressionsrate verantwortlich sein sollten.21-25
  • Der exakte Mechanismus, den Atropin auslöst, ist nicht bekannt. Man geht momentan davon aus, dass Atropin direkt oder indirekt auf die Netzhaut oder Sklera dahingehend wirkt, eine Ausdünnung oder Dehnung der Sklera zu verhindern.
  • Lediglich eine Studie qualifiziert sich als randomisierte, kontrollierte klinische Erhebung mit entsprechender Aussagekraft: ATOM 1 und 2 (Atropine for the Treatment of Myopia), an der 400 Kinder aus Singapur teilnahmen.
  • ATOM 1 (Placebo gegen Atropin 1 %) und ATOM 2 (Vergleich Atropin 0.5 %, 0.1 %, 0.01 %)
  • ATOM: Atropin-Augentropfen wurden in 4 verschiedenen Konzentrationen über eine Behandlungszeit von 2 Jahren mit Placebo verglichen.
      • Progressionrate unter Placebo 1,20 dpt/Jahr
      • unter Atropin 1 % bei 0,21
      • mit Atropin 0,5 % bei 0,30
      • mit Atropin 0,1 % bei 0,38 und
      • mit Atropin 0,01 % bei 0,49 dpt/Jahr2, wobei hier der Rebound bei unter 0,01 % 1 Jahr nach Therapieende am geringsten war.3

 

  • die ATOM-Studie setzt sich aus 2 sequenziellen Studien im Vergleich zusammen, einmal Placebo gegen Atropin 1 % und danach Atropin 0,5 % vs. 0,1 % vs. 0,01 %. Eine Vergleichbarkeit ohne jeweilige Kontrollgruppe ist nicht unmittelbar gegeben.4

1 Chua W-H, Balakrishnan V, Chan Y-H, Tong L, Ling Y, Quah B-L et al (2006) Atropine for the treatment of childhood myopia. Ophthalmology 113(12):2285–2291

2 Chia A, Chua WH, Cheung YB, Wong WL, Lingham A, Fong A et al (2012) Atropine for the treatment of childhood myopia: safety and efficacy of 0.5 %, 0.1% and0.01% doses (Atropine for the Treatment of Myopia 2). Ophthalmology 119(2):347–354

3 Chia A, Lu Q-S, Tan D (2016) Five-year clinical trial on atropine for the treatment of myopia 2: myopia control with atropine 0.01 % Eyedrops. Ophthalmology 123(2):391–399

4 Morgan IG, He M (2016) An important step forward in myopia prevention: low-dose atropine. Ophthalmology 123(2):232–233

6 Bedrossian RH. The effect of atropine on myopia. Ann Ophthalmol 1971;3(8):891-7.

7 Bedrossian RH. The effect of atropine on myopia. Ophthalmology 1979;86(5):713-9.

8 Bedrossian RH. The treatment of myopia with atropine and bifocals: a long-term prospective study. Ophthalmology 1985;92(5):716.

9 Gimbel HV. The control of myopia with atropine. Can J Ophthalmol 1973;8(4):527-32

10 Dyer JA. Role of cyclopegics in progressive myopia. Ophthalmology 1979;86(5):692-4

11 Sampson WG. Role of cycloplegia in the management of functional myopia.

Ophthalmology1979;86(5):695-7.

12 Gruber E. Treatment of myopia with atropine and bifocals. Ophthalmology 1985;92(7):985.

13 Brodstein RS, Brodstein DE, Olson RJ, Hunt SC, Williams RR. The treatment of myopia with atropine and

bifocals. A long-term prospective study. Ophthalmology 1984;91(11):1373-9.

14 Brenner RL. Further observations on use of atropine in the treatment of myopia. Ann Ophthalmol 1985;17(2):137-40.

15 Yen MY, Liu JH, Kao SC, Shiao CH. Comparison of the effect of atropine and cyclopentolate on myopia. Ann Ophthalmol. 1989; 21:180–2.

16 Shih YF, Chen CH, Chou AC, Ho TC, Lin LL, Hung PT. Effects of different concentrations of atropine on controlling myopia in myopic children. J Ocul Pharmacol Ther. 1999; 15:85–90.

17 Shih YF, Hsiao CK, Chen CJ, Chang CW, Hung PT, Lin LL. An intervention trial on efficacy of atropine and multi-focal glasses in controlling myopic progression. Acta Ophthalmol Scand. 2001; 79:233–6.

18 McKanna JA, Casagrande VA. Atropine affects lid-suture myopia development: Experimental studies of chronic atropinization in tree shrews. Doc Ophthal Proc Series. 1981; 28:187–92.

19 Raviola E, Wiesel TN. An animal model of myopia. N Engl J Med. 1985; 312:1609–15.

20 Tigges M, Juvone PM, Fernandes A, Sugrue MF, et al. Effects of muscarinic cholinergic receptor antagonists on postnatal growth of rhesus monkeys. Optom Vis Sci. 1999; 76:398–407.

21Tigges M, Juvone PM, Fernandes A, Sugrue MF, et al. Effects of muscarinic cholinergic receptor antagonists on postnatal growth of rhesus monkeys. Optom Vis Sci. 1999; 76:398–407.

22 Stone RA, Lin T, Laties AM. Muscarinic antagonist effects on experimental chick myopia.

Exp Eye Res. 1991; 52:755–8.

23 Schmid KL, Wildsoet CF. Inhibitory effects of apomorphine and atropine and their combination in chicks. Optom Vis Sci. 2004; 81:137–47.

24 Glasser A, Howland HC. A history of studies of visual accommodation in birds.

Q Rev Biol. 1996; 71:475–509

25 McBrien NA, Moghaddam HO, Reeder AP. Atropine reduces experimental myopia and eye enlargement via a nonaccommodative mechanism. Invest Ophthalmol Vis Sci. 1993; 34:205–15.

Hilft „draußen sein“ gegen Kurzsichtigkeit? Inwieweit spielt Lichtexposition zur Vermeidung der Myopie-Progression eine Rolle?

  • Kürzlich veröffentlichte Studien haben “ Outdoor activity” als eine Schlüssel-Umweltdeterminante für die Myopieentwicklung identifizieren können. In beiden Studien korrelierte die “Zeit, die draußen verbracht wurde” unabhängig von Indoor-Aktivität, Lesezeit oder sportlicher Betätigung mit geringerer Kurzsichtigkeit.1,2
  • Eine weitere komparative Studie chinesischer Kinder in Singapur und Sydney erbrachte ebenfalls einen protektiven Einfluss von Outdoor-Aktivität.3,4
  • Hypothese zum protektiven Effekt: Hohe Lichtintensität im Freien (bis 100 mal höher als die Beleuchtung von Innenräumen) und Chromatizität des Lichtes.5
  • In der ROAM Studie (Role of outdoor activity in Myopia) wurde die Outdoor-Zeit und somit die Lichtexposition nicht durch Fragebögen, sondern mit Lichtsensoren, die über 2 x 14 Tage am Handgelenk getragen wurden bei 101 Kindern zwischen 10 und 15 Jahren ermittelt. Es handelt sich um eine prospektive, longitudinale Observations-studie mit über 18 Monaten Beobachtungszeit. Auch hier zeigte sich eine entsprechende Korrelation zwischen Lichtexposition und Längenwachstum des Auges wie in den anderen genannten Studien.6

 

1 Saw SM, Chua WH, Hong CY, et al. Near-work in early-onset myopia. Invest Ophthalmol Vis Sci.2002; 43:332–9.

2 Rose KA, Morgan IG, Ip J, et al. Outdoor activity reduces the prevalence of myopia in children. Ophthalmology. 2008; 115:1279–85.

3 Rose KA, Morgan IG, Smith W, et al. Myopia, lifestyle, and schooling in students of Chinese ethnicity in Singapore and Sydney. Arch Ophthalmol. 2008; 126:527–30.

4 Dirani M, Tong L, Gazzard G, et al. Outdoor activity and myopia in Singapore teenage children. Br J Ophthalmol. 2009; 93:997–1000.

5 Ramamurthy D, Lin Chua SY, Saw SM. A review of environmental risk factors for myopia during early life, childhood and adolescence. Clin Exp Optom. 2015 Oct 25 doi: 10.1111/cxo.12346.

6 Read SA, Collins MJ, Vincent SJ., Light Exposure and Eye Growth in Childhood Invest Ophthalmol Vis Sci. 2015 Oct;56(11):6779-87.

Welche Rolle spielen monofokale Kontaktlinsen zur Vermeidung der Myopieprogression?

  • Monofokale Kontaktlinsen haben im Vergleich zur Brillenkorrektion keinen progressionsmindernden Effekt1-4.

1 Fulk GW, Cyert LA, Parker DE, West RW. The effect of changing from glasses to soft contact lenses on myopia progression in adolescents. Ophthalmic Physiol Opt. 2003; 23:71–7

2 Horner DG, et al. Myopia progression in adolesecnt wearers of soft contact lenses and spectacles. Optom Vis Sci. 1999; 76:474–9

3 Walline JJ, Jones LA, Sinnott L, et al. A randomized trial of the effect of soft contact lenses on myopia progression in children. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2008; 49:4702–6.

4 Katz J, Schein OD, Levy B, et al. A randomized trial of rigid gas permeable contact lenses to reduce progression of children's myopia. Am J Ophthalmol. 2003; 136:82–90.

Gibt es evidenzbasierte Daten zur effektiven Myopisierungskontrolle mit Gleitsichtgläsern oder prismatische Zweistärkengläsern bei Kindern und Jugendlichen?

 

  • Periphere retinale Defokussierung: Es gibt vermehrt Hinweise darauf, dass die periphere Netzhaut und die periphere Sicht Einfluss auf die Entwicklung einer Myopieprogression zu haben scheint.
  • Studien an Primaten zeigen, dass sich trotz zentral guter Sehschärfe bei Deprivation der peripheren Retina eine axiale Myopiesierung entwickeln kann.
  • Die Peripheral Refraction in Preschool Children (PREP) Study of Singaporean Chinese children und die Collaborative Longitudinal Evaluation of Ethnicity and Refractive Error (CLEERE) zeigten jedoch, dass eine relative periphere Hyperopie wenig Einfluss auf die Myopieentwicklung oder Verlängerung der Axiallänge zu haben scheint.11-14

 

  • Bifokale Gläser: Aufgrund verschiedener Studien wurde die Hypothese aufgestellt, dass sowohl eine erhöhte retinale Defokussierung und ein hohes Akkomodationsdefizit zu einer Myopieprogression führen können1-3. Dieser Hypothese folgend wurde geschlossen, dass eine Versorgung mit bi- oder multifokaler Korrektur die Defokussierung reduziere und somit auch die Myopieprogression aufhalten könne.
  • Jedoch konnte dieser gewünschte Effekt in aussagekräftigen Studien in den USA und Skandinavien nicht signifikant widergespiegelt werden.4-7
  • Nur Cheng et al konnte bei einer Gruppe kanadischer Kinder chinesischer Herkunft einen positiven Effekt nachweisen.8-10

1 Norton T. Animal models of myopia: learning how vision controls the size of the eye. Inst Lab Anim Res J. 1999; 40:59–77.

2 Wildsoet CF. Active emmetropization: Evidence for its existence and ramifications for clinical practice. Ophthalmic Physiol Opt. 1997; 17:279–90.

3 Gwiazda J, Thorn F, Bauer J, Held R. Myopic children show insufficient accommodative response to blur. Invest Ophthalmol Vis Sci. 1993; 34:690–4.

4 Grosvenor T, Perrigin DM, Perrigin J, Maslovitz B. Houston Myopia Control Study: A randomized clinical trial. Part II. Final report by the patient care team. Am J Optom Physiol Opt. 1987; 64:482–98.

5 Pärssinen O, Hemminki E, Klemetti A. Effect of spectacle use and accommodation on myopic progression: Final results of a three-year randomised clinical trial among schoolchildren. Br J Ophthalmol. 1989; 73:547–51.

6 Jensen H. Myopia progression in young school children: A prospective study of myopia progression and the effect of a trial with bifocal lenses and beta blocker eye drops. Acta Ophthalmol Suppl. 1991; 200:1–79.

7 Fulk GW, Cyert LA, Parker DE. A randomized trial of the effect of single-vision vs. bifocal lenses on myopia progression in children with esophoria. Optom Vis Sci. 2000; 77:395–401.

8 Cheng D, Woo GC, Drobe B, Schmid KL. Effect of bifocal and prismatic bifocal spectacles on myopia progression in children: three-year results of a randomized clinical trial. JAMA Ophthalmol. 2014 Mar;132(3):258-64.

9 Cheng D, Schmid KL, Woo GC, Drobe B. Randomized trial of effect of bifocal and prismatic bifocal spectacles on myopic progression: two-year results. Arch Ophthalmol 2010;128(1):12-9.

10 Cheng D, Woo GC, Schmid KL. Bifocal lens control of myopic progression in children. Clin Exp Optom 2011;94(1):24-32

11 Hoogerheide J, Rempt F, Hoogenboom W. Acquired myopia in young pilots. Ophthalmologica. 1971; 163:209 –215.

12 Mutti D, Hayes J, Mitchell G, et al. Refractive error, axial length, and relative peripheral refractive error before and after the onset of myopia. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2007; 48:2510 – 9.

13 Sng CC, Lin XY, Gazzard G, Chang B, Dirani M, Lim L, Selvaraj P, Ian K, Drobe B, Wong TY, Saw SM. Change in peripheral refraction over time in Singapore Chinese children. Invest Ophthalmol Vis Sci 2011 Oct 7;52(11):7880-7

14 Mutti D, Sinnott L, Mitchell G, et al. Relative peripheral refractive error and the risk of onset and progression of myopia in children. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2011; 52:199 –205.

Welche Rolle spielt die Orthokeratologie zur Vermeidung der Myopieprogression?

  • Bei der Über-Nacht-Orthokeratologie handelt es ich um eine Hornhautformungstechnik, bei der der Patient über Nacht eine Kontaktlinse mit einer reversen Geometrie zur temporären Abflachung der zentralen Hornhaut trägt.
  • Optiker und Optometristen stehen dieser Methode weitaus positiver gegenüber als Augenärzte. Offensichtliche Nachteile sind: hohe Kosten, Infektionsrisiko, Dyskomfort, Probleme beim Ein- und Aussetzen sowie instabile bzw. abnehmende Sehschärfe im Verlauf des Tages bei Nachlassen des Impressions-Effektes.
  • Erste Zulassung erfolgte 2002 als CRT (Cornea Refractive Therapy) von der FDA bei gering bis mittelgradiger Kurzsichtigkeit und Astigmatismus für Ortho-K-Linsen, die nachts getragen werden.
  • Ortho-K-Linsen verlangsamen das axiale Längenwachstum1-5 von myopen Augen im Vergleich zu Gas-permeablen Kontaktlinsen und monofokalen weichen Kontaktlinsen und Brillen.
  • Hypothetische Wirkweise: Ortho-K-Linsen gleichen die zentrale Fehlsichtigkeit aus, während hier wieder die Hypothese der peripheren Defokussierung zum Greifen zu kommen scheint.
  • Es fehlt jedoch eine aussagekräftige, kontrollierte Langzeitstudie, die den positiven Effekt bestätigen könnte. Zudem gibt es keine “wash-out”-Daten.

 

1 Swarbrick HA, Alharbi A, Watt K, Lum E, Kang P. Myopia control during orthokeratology lens wear in children using a novel study design. Ophthalmology. 2015;122(3):620–30

2 Walline JJ, Jones LA, Sinnott LT. Corneal reshaping and myopia progression. Br J Ophthalmol. 2009;93(9):1181–5.

3 Charm J, Cho P. High myopia-partial reduction ortho-k: a 2-year randomized study. Optom Vis Sci. 2013;90(6):530–9.

4 Chen C, Cheung SW, Cho P. Myopia control using toric orthokeratology (TO-SEE study). Invest Ophthalmol Vis Sci. 2013;54(10):6510–7.

5 Cho P, Cheung SW. Retardation of myopia in Orthokeratology (ROMIO) study: a 2-year randomized clinical trial. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2012;53(11):7077–85.

6 Smith MJ, Walline JJ. Controlling myopia progression in children and adolescents. Adolescent Health, Medicine and Therapeutics 2015:6 133–40.

Wie hoch ist der Wert therapeutischer Maßnahmen zur Reduktion der Myopieprogression?

Eine Netzwerkmetaanalyse aller bisher publizierten Studien1 listet die Effektgrößen in Bezug auf die Progressionsminderung in dpt/Jahr wie folgt auf:

  • Atropin hoch dosiert 0,68
  • Atropin niedrig dosiert 0,53
  • Zyklopentolat 0,33
  • Pirenzepin 0,29
  • Bifokalprismenbrillen 0,25
  • peripheren Defokus korrigierende Kontaktlinsen 0,21
  • 14-15h/Woche „Outdoor activity“ 0,14
  • Gleitsichtbrillen 0,14
  • peripheren Defokus korrigierende Brillengläser 0,12
  • bifokale Brillengläser 0,09.
  • Die p-Werte aller optischen Verfahren lagen bei dieser Metanalyse > 0,05.

Denkbare additive Effekte dieser Therapieansätze sind bis dato nicht Gegenstand einer Untersuchung gewesen.

1 Huang J, Wen D, Wang Q, McAlinden C, Flitcroft I, Chen H et al (2016) Efficacy comparison of 16 interventions for myopia control in children: A network meta-analysis. Ophthalmology.